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Venezuela "Zwischen Schule und Streik"

Theresa Veer war 2002/2003 YFU-Austauschschülerin in Venezuela

Vor kurzem begann ich, meine Austauschjahrfotos zu sortieren und die besten von ihnen für ein Fotoalbum auszusortieren. Bei jedem dieser Bilder wurde ich an andere Erlebnisse erinnert, die ich in meinem Austauschjahr erlebt hatte.

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Wie schön doch diese Zeit war… Venezuela, und das ein Jahr lang. Wie wunderbar, ein Traum war wahr geworden!

Doch halt, wie hatte denn alles angefangen?

Warum Venezuela?
Da muss ich wohl ein paar Jahre zurückgehen. Damals war ich noch in der Grundschule und wir hatten eine Austauschschülerin aus Polen aufgenommen. Sie hieß Aleksandra und schon damals beschloss ich, wenn ich mal groß bin, auch ein Austauschjahr zu machen.

Aber warum Venezuela? Nach meinem Austauschjahr würde ich wohl jetzt sagen: „Weil es das wunderschönste und das tollste Land der ganzen Welt ist mit den nettesten und freundlichsten Leute, die man sich überhaupt vorstellen kann.“ Doch das konnte ich vor meinem Austauschjahr noch nicht wissen.

Ich entschied mich für Lateinamerika und seine fröhliche und unbeschwerte Lebensweise. Für Venezuela entschied ich mich, weil meine Familie ein Jahr zuvor eine Austauschschülerin aus Venezuela aufgenommen hatte und ich somit schon eine Verbindung mit dem Land hatte.

Als ich nach meinem Auswahlgespräch erfuhr, dass ich nach Venezuela fahren würde, konnte ich das noch gar nicht fassen. Im Sommer schließlich erhielt ich die Informationen über meine Gastfamilie und plötzlich schien das Erlebnis Austauschjahr greifbar nahe.

Ankunft in Caracas
Als ich schließlich in den Flieger nach Caracas stieg, wurde mir dann doch ein wenig mulmig. Ein Jahr lang würde ich meine Eltern, meine Geschwister, Freunde und Bekannte nicht sehen. Ob ich mich in meiner neuen Familie wohl fühlen würde? Doch all diese kleinen Zweifel wichen der Aufregung, als ich nach zehn Stunden endlich aus dem Flugzeug stieg und die tropisch-feuchte und stickige Luft einatmete.

Am Flughafen wurden wir freundlich von jungen Mitarbeitern von YFU begrüßt. Nachdem ich meine Eltern angerufen hatte, um ihnen zu sagen, dass ich gut angekommen war, fuhren wir in die Stadt zum YFU-Büro. Es war schon dunkel und von den Bergen um uns her blinkten uns kleine Lichter entgegen. „Das sind die ‚barrios’, da wo die ganz armen Leute wohnen“, erklärte mir eine junge Venezolanerin.

In Caracas blieb ich insgesamt drei Tage und flog dann weiter nach Mérida, einer kleineren Stadt (etwa 120.000 Einwohner) in den Anden. Mein Gastbruder holte mich vom Flughafen ab und wir fuhren in die Stadt, wo ich meine Gasteltern kennen lernte. Ich konnte kein Wort Spanisch! Wie sollte ich mich mit ihnen denn überhaupt verständigen? Zum Glück war mein Gastbruder Simón im vergangenen Jahr in Deutschland gewesen und konnte mir helfen.

Schuluniform im Sportunterricht
Kurz nach meiner Ankunft begann auch schon der Unterricht in meiner neuen Schule. Zum Glück war ich nicht die einzige Austauschschülerin in meiner Schule und Klasse. Ein türkischer Austauschschüler war in meiner Klasse und wir verstanden uns super.

Die erste Zeit war aufregend und verging sehr schnell, weil so viel passierte. Ich musste in der Schule Uniform tragen, auch beim Sportunterricht. Alle waren sehr nett zu mir.

Im Oktober, also knapp sechs Wochen nach meiner Ankunft, kaufte ich mir eine Gitarre und nahm auch Gitarrenunterricht. Bis Dezember lief alles wunderbar. Ich lernte viele neue Leute kennen und am Wochenende ging ich oft mit meinem Gastbruder in eine der zahlreichen Diskotheken.

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Por favor und Gracias
Außerdem lernte ich neues Essen kennen: Arepas (Maisbrötchen), carne mechada (speziell zubereitetes Fleisch mit würziger Soße) und natürlich pasteles con queso y jamón (Blätterteiggebäck mit Käse und Schinken).

Leider wurde mir anfangs von Arepas immer schlecht und ich gewöhnte mich nur langsam an sie. Das übrige Essen schmeckte mir wirklich sehr gut. Außerdem lernte ich, wie wichtig die zwei kleinen Wörtchen POR FAVOR (bitte) und GRACIAS (danke) waren. Ein Venezolaner kann ohne weiteres in einem Satz drei- bis viermal bitte sagen. Bis Dezember hatte ich schon so viel Spanisch gelernt, dass ich mich ohne große Mühe unterhalten konnte.

Generalstreik in Venezuela
Anfang Dezember begann der Generalstreik in Venezuela. Das bedeutete für mich, dass Probleme auf uns zukamen. Das ganze Land streikte und auch in Mérida blieben viele Geschäfte geschlossen. Die Ölindustrie produzierte nicht mehr und ein bis zwei Wochen später gab es kein Benzin mehr in Mérida. Das bedeutete, dass sich vor den Tankstellen kilometerlange Schlangen bildeten. Auch ich stand im Auto in der Schlange und wartete darauf, dass neues Benzin geliefert wurde.

Aber ganz so schlimm, wie es sich anhörte, war es nicht. Eigentlich war es teilweise ganz lustig, weil die Leute Domino, Tische und Whiskey mitbrachten und jeweils zu viert Domino spielten. Ich hatte mit Freunden zusammen schon oft gespielt und nun spielte ich mit wildfremden Leuten, die ich beim Schlangestehen kennen lernte.

Eine gute Entscheidung
Dann kam Weihnachten. Leider war auch dieses Fest ein wenig überschattet vom Generalstreik. Die meisten waren ein wenig gereizt und alle sprachen nur über Politik. In dieser Zeit vermisste ich meine Familie sehr.

Nach Februar gab es dann auch endlich wieder Benzin, so wie immer. Kurz danach riefen mich meine Eltern an. Sie sagten mir, dass YFU Deutschland mich aufgrund der angespannten Situation in Venezuela nach Deutschland zurückholen wollte – schließlich demonstrierte die Opposition regelmäßig gegen die Regierung, manchmal gab es Verletzte oder gar Tote und der Präsident erwog, den Ausnahmezustand auszurufen.

Ich überzeugte meine Eltern jedoch, dass ich in Venezuela bleiben konnte. Sie unterschrieben ein Formular und ich blieb. Das war die beste Entscheidung in meinem ganzen Leben!

Umzug nach Caracas
Im April wechselte ich schließlich meine Gastfamilie, weil ich mit meiner Gastmutter nicht mehr gut auskam, und zog nach Caracas. In Caracas blieb ich noch drei Monate und hatte dort die schönste Zeit meines ganzen Lebens. Ich fand in meiner neuen Schule sehr viele neue Freunde, mit denen ich immer noch Kontakt habe. Leider konnte ich nicht zur Graduación (Abschlussball) bleiben. Aber der letzte Schultag entschädigte mich völlig dafür.

Wieder zurück
Als ich aus dem Flugzeug stieg, hatte ich mich völlig verändert. Ich war reifer, erwachsener und erfahrener geworden. Dennoch war ich immer noch ich selber, weil ich mir selbst das ganze Jahr über treu geblieben war.

Das Austauschjahr in Venezuela gehört zu der schönsten Zeit, die ich in meinem Leben erleben durfte. Meine Schwester wird diesen Sommer (2005) nach México fliegen – und ich wünschte, ich könnte mitgehen, um aufs Neue ein wunderbares, unvergessliches Jahr zu erleben.

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