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Neuseeland "Kapa Haka in Aotearoa"

Sassan Gholiagha war 2001/2002 YFU-Austauschschüler in Neuseeland

Anfang Juli 2001 ging es für mich los. In Frankfurt traf ich die anderen „Kiwis“ – so nennen sich die Neuseeländer selbst – von meiner Vorbereitungstagung (VBT) und es ging auf eine 26-stündige Flugreise ans andere Ende der Welt.

Ziemlich kaputt und gespannt auf das Jahr, das uns bevorstand, kamen wir schließlich in Auckland an. Die mit etwa einer Million Einwohner größte Stadt Neuseelands wird von dem restlichen Land etwas verächtlich einfach nur als „Big Smoke“ bezeichnet. Dort trafen wir auch alle anderen Austauschschüler, die ihr Jahr in Neuseeland verbringen sollten.

Drei Tage Orientierungsseminar
Nach einer dreitägigen „arrival orientation“ in Auckland flog ich weiter nach Christchurch auf der Südinsel, die mit etwa 340.000 Einwohnern drittgrößte Stadt Neuseelands. Am Flughafen holte mich meine Gastmutter ab. Meine Gastschwester war gerade auf der Nordinsel unterwegs, und einen Gastvater hatte ich nicht. Doch der neue Lebensgefährte meiner Gastmutter war sehr häufig bei uns zu Besuch.

Beifahrer sitzen rechts!
Die Ankunft am Flughaften ist einer der Episoden meines Jahres, die mir noch sehr lebhaft in Erinnerung ist. Als ich gerade ins Auto einsteigen wollte, wurde ich von meiner Gastmutter verwundert gefragt: „Oh, do you want to drive?“ Ich hatte mich einfach noch nicht daran gewöhnt, dass die Kiwis auf der linken Seite fahren und dementsprechend unsere Beifahrerseite die Fahrerseite ist.

Winter im Juli
Es waren noch Ferien in Neuseeland, also hatte ich ein wenig Zeit, die Gegend zu erkunden und mich einzuleben. Am Anfang hat mir die Umstellung auf das Klima am meisten zu schaffen gemacht. Juli bedeutet in Neuseeland: Winter. Da die Kiwis keine Zentralheizung in den Häusern haben, verbrachte ich besonders am Anfang viel Zeit vor dem Kamin. Für die Schlafräume gab es jedoch Heizkörper, die entweder mit Gas funktionieren oder an die Steckdose angeschlossen werden.

Schule in Neuseeland
Meine Schule in Neuseeland hieß „Hagley Community College/Te Puna Wai o Waipapa“. Der zweite Teil ist der Maori-Name der Schule. Es war eine mit etwa 2.000 Schülern verhältnismäßig große Schule. Sie hatte einen relativen großen Anteil an „International Students“, so dass ich dort nicht weiter auffiel.

Ein Erlebnis aus meinen ersten Unterrichtstagen ist mir sehr gut in Erinnerung geblieben. Ich hatte Geschichtsunterricht und meine Klassenkameraden hatten gerade das Thema Nationalsozialismus abgeschlossen. Ihr Aufsatz zum Thema „Der Aufstieg von Hitler“ wurde gerade zurückgegeben. Mein einer Sitznachbar fragte mich daraufhin: “Do you think Hitler was good or bad guy?“ Da musste ich erstmal ziemlich schlucken, um dann eine Antwort hervorzubringen.

Solche und ähnliche Situationen sollten mir während meines Austauschjahres noch öfters passieren, aber im Laufe der Zeit gewöhnte ich mich daran, damit umzugehen. Ich verstand auch mehr und mehr, warum solche Fragen an mich auftauchten. Wenn man nicht mehr über Deutschland weiß als das, was zwischen 1933 und 1945 hier passiert ist, ist es nicht verwunderlich, dass man Deutsche auch nur nach dieser Zeit fragt. Böse gemeint ist es in den seltensten Fällen, sondern meistens ist es echtes Interesse und/oder Unwissenheit. Der oben genannte Klassenkamerad wurde im Laufe des Jahres ein guter Freund von mir – und am Ende des Jahres konnten wir beide über die Situation lachen.

Kapa Haka in Aotearoa
Die Zeit in Neuseeland ging schnell rum, die ersten paar Monate waren bald vorbei, und ich lebte mich in meiner Gastfamilie und in der Schule richtig gut ein. Mittlerweile hatte ich mit meinen „Kapa Haka“-Klassen begonnen. Kapa Haka sind die traditionellen Lieder und Tänzer der Maori – der Ureinwohner Neuseelands – die ihr Land selbst „Aotearoa“ nennen: „Land der langen weißen Wolke“. Mit meiner Gastfamilie verstand ich mich bestens und ich fühlte mich immer wohl.

Allerdings hatte ich noch immer nicht so richtig Freunde gefunden. Das lag sicherlich daran, dass ich in der Mitte des Schuljahres gekommen war und dass das Kursystem es nicht gerade einfacher machte, Leute kennen zu lernen.

Familienwechsel
Ende November kam dann einer kleiner Schock für mich. Ich kam von der Schule und meine Gastmutter eröffnete mir, dass ich leider die Familie wechseln musste. Diese Nachricht traf mich vollkommen unvorbereitet. Auch meine Gastfamilie war darüber sehr traurig, aber die aktuelle Situation ließ leider nichts anderes zu.

Die Alzheimer-Erkrankung meiner Gastoma war in den letzten Monaten so schlimm geworden, dass sie bei uns einziehen musste. Da ich das einzige Extra-Zimmer im Haus hatte, musste ich schweren Herzens die Gastfamilie wechseln.

YFU Neuseeland hat mich während dieser ganzen Zeit bestens betreut. Meine Gastmutter hat mir die Nachricht erst überbracht, als eine Übergangsfamilie in Christchurch für mich gefunden war. So konnte ich in der gleichen Schule bleiben. Ursprünglich sollte die neue Familie nur für eine begrenzte Zeit meine Gastfamilie sein, doch wir verstanden uns so gut, dass meine Gasteltern entschieden, mich für die verbleibenden Zeit von acht Monaten bei sich zu behalten.

Im Nachhinein bin ich sogar ein klein wenig froh über diese Ereignisse. An dieser sehr schwierigen und zum Teil auch einfach sehr emotional belastenden Zeit habe ich viel für und über mich selbst gelernt und bin daran gewachsen.

Start in der neuen Gastfamilie
Der Start in meine neue Gastfamilie war allerdings gar nicht so einfach. Mit meiner Gastmutter und meinem wenige Monate älteren Gastbruder verstand ich mich bestens. Doch bis ich mich auch mit meinem Gastvater gut verstand und wir „warm“ wurden, sollte noch einige Zeit vergehen.

Mein jüngerer Gastbruder hatte zu der Zeit, als ich ankam, viel Streit mit meinen Gasteltern, und für mich als neue Person im Haushalt war es nicht einfach. Doch nach einigen Wochen lösten sich diese Probleme.

Im Schulteam zu den Meisterschaften
Auch in der Schule lief es, was mein soziales Umfeld anging, immer besser. Nach und nach baute ich mir einen Freundeskreis auf. Auch mein Engangement in der Kapa Haka-Klasse wurde mehr und mit Beginn des neuen Schuljahrs begann ich, auch die Maori-Sprache „te reo maori“ zu lernen.

Besonders spannend war es für mich, diesen anderen Teil des neuseeländischen Lebens und der Kultur kennen zu lernen. Dadurch erfuhr ich eine Menge über die Spannungen zwischen „Pakeha“ (den Kiwis europäischer Abstammung) und den Maori.

Besonders schön war es für mich, ins Schulteam für Kapa Haka aufgenommen zu werden und gemeinsam mit meiner Gruppe an den regionalen Schulmeisterschaften für Kapa Haka teilzunehmen. Wir belegten den 3. Platz und qualifizierten uns damit für die Nationalen Schulmeisterschaften, „Nga Kapa Haka kura tuarua te motu“!

Teenaa koutou katoa!
Das Jahr ging, so hatte ich das Gefühl, immer schneller vorbei, und so konnte ich es kaum glauben, als ich mich von meinen Familien, meinen Freunden und meiner Freundin verabschieden musste. Ich habe während meiner Zeit nicht nur ein fremdes Land und die Kultur kennen gelernt, viele neue Menschen lieb gewonnen und in mein Herz geschlossen, sondern auch jede Menge über mich selbst gelernt. Ich habe mich sehr verändert und bin offener für Neues geworden.

Dafür und für die vielen schönen, spannenden, tollen, aufregenden und genialen Erlebnisse während meines Austauschjahres möchte ich meinen Familien, meinen Freunden, meinen leiblichen Eltern und – last but not least – natürlich auch YFU Danke sagen!

Und die Sprachen(n)? Die lernt man ganz nebenbei: „No reira, teenaa koutou, teenaa koutou, teenaa koutou katoa!“ Das heißt: „Thus, greetings to you, greetings to you, greetings to all of you!”

Karte Neuseeland
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