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Dänemark „Was willst du da überhaupt?“

Esther Bertling war 2000/2001 YFU-Austauschschülerin in Dänemark

Das war die meistgestellte Frage, die ich zwischen meiner Bewerbung und meiner Abreise nach Dänemark beantworten musste. Und das war nicht einfach, schließlich kannte ich Dänemark ja selbst nur aus dem Urlaub und hatte mich eher spontan beworben.

Aber zum Glück ließ ich mich von meiner Idee nicht abbringen. Als ich auf der Vorbereitungstagung (VBT) endlich Gleichgesinnte traf, wurde die Freude auf mein Austauschjahr immer größer.

Mit dem Zug nach Dänemark
Die Sommerferien kamen, und plötzlich stand ich auf dem Hauptbahnhof und es sollte losgehen. Die Wiedersehensfreude bei mir und den anderen fünf Austauschschülern, die ich von der VBT kannte, war groß â€“ aber als der Abschied kam, war mir doch etwas komisch zumute! Das Gefühl war aber sofort verflogen, als der Zug endlich losgefahren war.

Orientierungswoche auf Fyn
Zuerst ging es nach Fyn. Hier hatten wir unsere Orientierungswoche in einer Grundschule. Eine Gruppe Australier wartete schon auf uns, und nach und nach reisten immer mehr Schüler aus aller Welt an. In kleinen Gruppen hatten wir jeden Tag Dänischunterricht, und auch sonst wurde es mit den 50 Schülern nie langweilig.

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Heimweh hatte ich nicht. Erst als mich am letzten Tag meine Gastfamilie abholen kam, kam das komische Gefühl in mir wieder zum Vorschein. Ich hatte zwar schon etliche Male mit meinen Gasteltern telefoniert und viele Briefe geschrieben, aber als sie jetzt so vor mir standen, wusste ich doch nicht, worüber ich mich mit ihnen unterhalten sollte.

Schnell holte ich mir Rike, eine andere Austauschschülern aus Deutschland, zur Hilfe, deren Familie noch nicht da war. Rike plapperte einfach so drauflos und brachte das Gespräch in Gang. So war dann auch dieses Problem überwunden!

Mein neues Zuhause
Nach einer großen traurigen Abschiedsrunde setzte ich mich endlich ins Auto und es ging nach Jütland. In Esbjerg angekommen begutachtete ich mein neues Zuhause, wo ich aber erst mal nur einen Tag bleiben sollte, denn wir waren zum Geburtstag meiner Gastoma in Bogense eingeladen.

Wieder fuhren wir also nach Fyn, wo ich gleich mit der dänischen Art zu feiern vertraut gemacht wurde: Es gab sehr viel zu essen, es wurde viel gesungen und überall klebten und hingen kleine dänische Flaggen. Zwischendurch wurden mir viele Fragen gestellt und der ein oder andere versuchte, seine Deutschkenntnisse auszuprobieren.

Eine Woche Ferien
Danach hatte ich noch eine Woche Ferien. Meine Gastschwester, die zum Studieren nach Kopenhagen ging, hatte mir ihr Zimmer frei geräumt und ich konnte all mein Gepäck verstauen. Mein älterer Gastbruder nahm mich mit zum Schwimmverein, so dass ich schnell Leute kennen lernte.

Meine Gasteltern zeigten mir die Stadt, den Strand, das Schwimmstadion und sogar die Schule. Hierfür hatte meine Gastmutter mit einem Lehrer einen Termin vereinbart, der sich bereit erklärt hatte, mich durch die noch leergefegte Schule zu führen. Merkwürdig, dachte ich, die Schule ist so gut ausgestattet! Es gab eine Bibliothek, überall Computer, eine Kantine... das war ich von meinem Gymnasium nicht gewöhnt.

Der erste Schultag
Wie sich an meinem ersten Schultag herausstellte, war diese Führung sehr nützlich, denn ich verstand überhaupt nichts! So wusste ich nach der Vollversammlung in der Aula wenigstens, in welche Klasse ich gehörte. Dort angekommen setzte ich mich auf einen freien Platz, traute mich aber nicht, den Mund aufzumachen. Erst als der Lehrer mich etwas fragte, sagte ich ihm auf Englisch, dass ich ihn nicht verstand. Alle drehten sich um und guckten mich an…

Überhaupt war die erste Zeit in der Schule sehr anstrengend für mich. Sechs bis acht Stunden da zu sitzen, fast nichts zu verstehen und immer auf jemanden angewiesen zu sein, der mir das Wichtigste erklärte – dadurch merkte ich zum ersten Mal, das ein Austauschjahr gar nicht so einfach ist!

Außerdem war ich in eine Mathematikklasse eingeteilt worden, was das ganze für mich nicht einfacher machte, da Mathe nicht so mein Fall war. Ich dachte daran, wie einfach es jetzt wäre, im nur vier Stunden entfernten Deutschland zu sein, wo noch Sommerferien waren. Als meine Mutter mich nach dem ersten Schultag anrief um zu fragen, wie es war, rutschte mir ein „Muss ich da echt wieder hingehen...?“ heraus.

Mit Post-it-Zetteln Dänisch lernen
Die Sprache lernte ich dann schneller, als ich anfangs dachte, so dass ich auch den Schulunterricht immer mehr mitverfolgen konnte. Dänische Grammatik ist nicht schwer, dafür aber die Aussprache. Anfangs konnte ich das, was ich hörte, fast gar nicht mit dem verknüpfen, was ich im Wörterbuch las, da die Dänen immer das halbe Wort verschluckten. Aber meine Gasteltern klebten im ganzen Haus Post-it-Zettel an alle Gegenstände, die sie mit dem zugehörigen Namen versahen, so das ich immer mehr Wörter lernte.

Auch bei anderen Gelegenheiten, wie beim Essen, erklärten mir meine Gasteltern immer einige Wörter. Von unserem sechsjährigen Nachbarskind Jeppe, der auch gerade lesen lernte, liehen sie mir Kinderbücher aus, damit ich üben konnte. Und als Jeppe zu Besuch kam, um mir stolz etwas vorzulesen, musste auch ich vorlesen.

Anfangs redete ich viel Englisch, da in Dänemark so gut wie jeder Englisch kann. Nach einem Monat aber sagte meine Gastmutter, jetzt wird zu Hause nur noch Dänisch geredet. Ich wurde unsicher, worauf sie mir noch eine Woche Aufschub gab, doch dann machte sie ernst. Und es funktionierte!

Auch wenn ich manchmal nur so vor mich hinstotterte oder -gestikulierte, konnte ich mich immer besser verständlich machen und nach ungefähr zwei Monaten in normalen Gesprächen fast alles verstehen. Nach einem halben Jahr sprach mich einmal zufällig jemand auf Deutsch an, und ohne darüber nachzudenken sagte ich zu ihm, „Hvad?“ (Was?) Da wusste ich wirklich, das ich jetzt sogar auf Dänisch dachte.

Dänische Gewohnheiten und Feiertage

Genauso wie an die Sprache gewöhnte ich mich auch schnell an eine Menge anderer Dinge. Kleine Dinge, wie überall und bei jedem Wetter mit dem Fahrrad hinzufahren, nach jedem Essen „tak for mad!“ (danke für das Essen) zu sagen, mich angesprochen zu fühlen, wenn einer meiner Freunde „tysker“ (Deutsche) rief, und der dänische Humor wurden für mich normal.

Bald kamen die längsten Weihnachtsferien in Dänemarks Geschichte mit „juleøl“ (Weihnachtsbier) und „julekalender“ (Adventskalender) im Fernsehen. Ich weiß bis heute nicht, ob es wirklich Zufall war, dass ausgerechnet ich am Weihnachtsabend die ganze Mandel in meiner Schüssel Milchreis fand und sie gegen ein kleines Geschenk eintauschen konnte.

Im Februar lernte ich einen weiteren dänischen Feiertag kennen, „Fastelavn“ (Fasching). Kleine verkleidete Kinder klopften an unserer Tür und sangen: „Fastelavn er mit navn, boller vil jeg have, hvis jeg ingen boller får så laver jeg ballade...“ (Ich heiße Fastelavn und möchte Kuchen haben, wenn ich keinen bekomme, mache ich Stress...).

Grillparty zum Abschied
Die Zeit flog nun nur so an mir vorbei. Irgendwann flatterte mir die Einladung für das YES (Young Europeans’ Seminar) ins Haus, und traurig stellte ich fest, das mein Austauschjahr auch irgendwann zu Ende gehen sollte.

In der Schule schrieben wir die große Dänischaufgabe zu Abschluss des Schuljahres. Meine Gasteltern schlugen mir vor, zum Abschied eine Grillparty mit meinen Freunden vom Schwimmverein zu veranstalten. Die Abreise kam also immer näher.

Als ich schließlich im Juli wieder ins Auto stieg und meine Gasteltern mich nach Tommerup zum YFU-Haus fuhren, von wo wir im Bus zum YES fahren sollten, konnte ich gar nicht fassen, das ich jetzt schon wieder von „zu Hause“ weg sollte.

Esbjerg war wirklich ein Zuhause für mich geworden. Es kam mir eher so vor, als würde ich nur in den Urlaub fahren und meine Gastfamilie und unsere acht Katzen bald wiedersehen. Ich wäre gerne noch länger in Dänemark geblieben, aber in Deutschland warteten meine Familie und das Abitur auf mich.

Viele gegenseitige Besuche
Zum Glück bin ich ja nicht allzu weit von meinem Gastland entfernt und kann einfach mal so zu Besuch kommen. Schon in den Herbstferien war ich wieder in Dänemark. Freunde und meine Gasteltern kamen auch nach Hamburg und sagten am Ende ihres Besuchs erstaunt, „Wir dachten eigentlich, Hamburg wäre nur eine Menge Häuser mit einem Elbtunnel!“

Andere Austauschschüler, die in den USA oder in Australien waren, sagen jetzt oft zu mir, „Du hast es gut, du kannst deine Gastfamilie einfach mal so übers Wochenende besuchen!“

Die Frage „Was wolltest du denn da überhaupt?“ kommt jetzt eher selten vor – obwohl ich glaube, ich könnte es mittlerweile auch besser erklären.

Karte Daenemark
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