
| China: „China!?! Boah, ganz schön mutig...“Stefanie Lietke war 2004/2005 YFU-Austauschschülerin in China …das war der häufigste Kommentar auf meine Ankündigung, ein Jahr nach China zu gehen. Nachdem ein Kreuzchen auf einem Anmeldezettel wirklich nicht schwer ist, kann einem diese Reaktion ein recht mulmiges Gefühl verschaffen. Und man zweifelt dann doch hin und wieder daran, ob man das wirklich will.
Nach fast acht Monaten hier kann ich jetzt aber mit Sicherheit sagen: Ja, es lohnt sich!!!
Vielleicht stellen sich in genau diesem Moment auch andere solche Fragen zu ihrem kommenden Austauschjahr. Von YFU sind wir sieben, dieses Jahr die ersten Austauschschüler in China, vielleicht ist deshalb also ein Erfahrungsbericht von hier nicht schlecht, auch wenn wir noch nicht wieder zurück sind.
Sprachkurs in Peking
Am 16. Juli 2004 hieß es Abschied nehmen. Am Flughafen in Frankfurt traf ich alte Bekannte von der Vorbereitungstagung wieder, und schon ging es (mit gemischten Gefühlen) auf nach Peking.
Am Flughafen wurden wir von diversen YFU- und Familienmitgliedern abgeholt, die für uns vor allem alle chinesisch aussahen, und zu der Schule gefahren, wo wir die nächsten sechs Wochen Sprachkurs haben sollten. Dort trafen wir auf die anderen Austauschschüler (aus Amerika, der Schweiz, Norwegen, Schweden, Estland, Lettland) und hatten eine echt schöne Zeit.
Wir haben Sehenswürdigkeiten angeguckt (zum Beispiel den Tian'anmen Platz, die Große Mauer, den Himmelstempel, ...), Chinesisch, Kalligraphie und Kungfu gelernt (naja, wir haben es versucht...) oder uns anderweitig beschäftigt. So kam sehr schnell die nächste Trennung und der Umzug in die Gastfamilien, bei denen wir bis dahin nur am Wochenende gewohnt hatten.
Schule in China
Chinesische Schule ist gewöhnungsbedürftig, damit müssen sich Austauschschüler in China abfinden.Man ist viel Freizeit gewohnt, die einem die chinesische Schule nicht lässt. Man muss sich damit abfinden, dass man in den meisten Fächern bis zum Schluss nicht mitmachen kann, dass die Klassenkameraden mit Schule und Lernen sehr beschäftigt sind und man vergleichsweise wenig mit ihnen unternehmen kann.
Das ist mir am Anfang sehr schwer gefallen. Von morgens halb acht bis nachmittags um fünf in der Schule, dann nach Hause, essen, Hausaufgaben (nur Mathe und Englisch für mich, wobei ich die Lehrer erst noch davon überzeugen musste, dass alles andere nicht geht), und dann konnte ich auch schon schlafen gehen.
Den ganzen Tag nur Chinesisch hören hat mich unglaublich müde gemacht, und weil ich sonst nichts zu tun hatte, habe ich mich manchmal ganz schön gelangweilt. Aber auch daran gewöhnt man sich. Man kann ja immer noch mit Klassenkameraden reden (so gut es halt geht, immerhin sind sie meistens doch neugierig Ausländern gegenüber), Chinesisch lernen oder sich anderweitig beschäftigen, wenn man im Unterricht nichts versteht, und sich aufs Wochenende freuen. Die meisten chinesischen Schüler müssen allerdings auch am Wochenende lernen.
Meine Gastfamilie
Ich hatte das Glück, dass ich mich praktisch von Anfang an mit meinen Gasteltern richtig gut verstanden habe (mein Gastbruder ist zur Zeit mit YFU in Deutschland), und so ist das erste halbe Jahr wie im Flug vergangen. Im November hat mir meine Gastmutter vorgeschlagen, ich könnte doch Taekwondo machen (irgendwann hatte ich ihr mal erzählt, ich hätte gerne irgendein Hobby nach der Schule), und ab da habe ich angefangen, mich richtig wohl zu fühlen.
Weihnachten war nicht allzu toll, es wird in China eben nicht gefeiert. Dafür hatten wir in den Frühlingsferien, in denen auch unser Mid-Term-Seminar in Shanghai war, eine schöne Zeit...
Nach den Ferien habe ich dann noch die Klasse gewechselt und fühle mich in meinem neuen, eindeutig weniger prüfungsorientierten Jahrgang nochmal wohler.
Das macht mein Leben hier aus
Wenn ich darüber nachdenke, dass ich in vier Monaten schon zurück muss, wird mir klar, was ich dann alles vermissen werde: mit meinen Eltern fernsehen, essen gehen, Mahjong spielen, mit Klassenkameraden herumalbern, kleine Fotoaufkleber machen, superbillig einkaufen, nach Lust und Laune statt nach Verkehrsregeln durch die Stadt radeln, fremde Chinesen mit meinen Sprachkenntnissen überraschen, absolut lustlos Morgengymnastik machen, mit den andern bei McDonalds essen (billig!!!), chinesische Flüche lernen, mir die Haare schwarz färben, komische chinesische Popmusik hören, mein Tagebuch mit 1000 kleinen Aufklebern verzieren, auf zu kurzen Liegen in Schlafwagen fahren, tonnenweise Tütennudelsuppe essen, auf Brücken achtspurige Straßen überqueren, mich überall durchdrängeln, für 10c in tödlich klapprigen Bussen fahren, überall um mich herum chinesische Fahnen oder Fu (Glück)-Zeichen sehen, beim Taekwondo endlich verstehen was ich machen soll, alte chinesische Gebäude fotografieren, Deutsche versehentlich auf Chinesisch und Chinesen auf Deutsch ansprechen, Ausländer auf der Strasse anstarren, leckeres chinesisches Essen essen…
…das alles und die hunderttausend anderen kleinen Dinge, die mein Leben hier ausmachen, werde ich waaaaaaaaahhhhhhhhnsinnig vermissen, und eigentlich will ich noch gar nicht richtig zurück.
Die beste Idee meines Lebens
Für ein Jahr nach China zu kommen war die beste Idee meines Lebens und ich möchte mich bei YFU, die das alles für mich möglich gemacht haben, von ganzem Herzen bedanken. Besonders meine ich damit auch das Stipendium, ohne das ich nicht hätte kommen können – DANKE!!! IHR SEID GROSSARTIG!!! |  |