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Japan "Tokio"

Andrea Kienast war 2001/2002 YFU-Austauschschülerin in Japan.

Ich gehe durch Tokio, schlendere durch endlose Häuserschluchten und versuche, auszusehen wie eine intelligente Person, die genau weiss wohin sie geht, wie jemand, der die fremden Zeichen auf den Strassenschildern nur mit beiläufigem Interesse betrachtet.

Natürlich habe ich mich verlaufen, schon das zweite Mal heute. „Na ja, was soll’s?“ denke ich mir und spaziere weiter. Zugegeben, ein wenig nervös bin ich schon, aber mittlerweile bin ich nicht mehr so leicht aus der Fassung zu bringen. Ich kann mich aber noch sehr gut an andere Zeiten erinnern: Völlig hilflos stolperte ich einst durch das Getümmel, meiner Gastmutter immer dicht auf den Fersen, wie ein kleines Kind.

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Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass man in dieser riesigen Stadt nicht so leicht verloren geht. Überall stösst man auf U-Bahn-Stationen, wo die verschiedenen Strecken mit Farben gekennzeichnet sind, man braucht sich also nur „seine“ Farbe zu merken. Die vielen Polizeiposten sind gleichzeitig Informationsbüros, und die Leute hilfsbereit.

Ich gehe vorbei an Leuchtreklamen, Restaurants, Elektronikläden und Einkaufscentern. Ich biege ab, und plötzlich stehe ich vor einem Tempel. Nur wenige Minuten von der pulsierenden Hauptstrasse entfernt steht er da, umringt von Bäumen - wie eine kleine Oase mitten in der Stadt. „Das ist Japan!“ denke ich, mitten im modernen Leben ist die Tradition doch immer präsent, auch in den Herzen und Köpfen der Menschen. Sie mögen in einer englisch eingerichteten Wohnung leben, ein deutsches Auto fahren und italienisch kochen, egal wie verwestlicht und vertraut sie erscheinen mögen, in Wirklichkeit sind die Menschen in diesem Land genauso japanisch wie vor hundert Jahren. Ihre Denkweise zu verstehen wird für Ausländer immer schwierig sein.

Ich seufze, werfe eine Münze in den Holzkasten vor dem Altar, klatsche dreimal, drücke die Handflächen gegeneinander und wünsche mir, dass meine Gastmutter heute abend Sushi macht.

Ich mache mich auf den Weg zurück zur grossen Strasse und finde schon bald eine U-Bahnstation und „meine“ farbige Linie, die mich nach Hause bringt.

Karte Japan
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