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Estland "Zwischen Elchen und E-Regierung"

Wiltrud Wiemold war YFU-Austauschschülerin in Estland

Estland – wie viele Menschen wissen mehr darüber, als dass die Hauptstadt Tallinn heißt und dass es zum Baltikum gehört?

Mir ging es auch nicht anders, als ich am 15. August 1999 auf dem Flughafen von Tallinn landete – daher war ich voller Neugier. Dieses Gar-nichts-Wissen reizte mich von Anfang an.

Die meisten meiner Freunde und Bekannten – eigentlich sogar alle – reagierten erstaunt oder verständnislos: „Was willst du denn mit der Sprache? Was spricht man denn da überhaupt?“ Einige waren sogar schockiert: „Das ist ja noch unterentwickelter als Polen!“

Aber anders als in den Köpfen der Leute ist Estland auf der Landkarte gar nicht so weit entfernt von uns. Auch historisch und kulturell gesehen ist das Land eng mit uns verbunden: Im Mittelalter wurde es vom deutschen Ritterorden erobert und einige estnische Städte gehörten zur Hanse.

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Endlich Estnisch können
Obwohl Estland im Lauf der Geschichte fast ständig von fremden Ländern besetzt war, haben es die Esten geschafft, ihre identitätsstiftende Sprache zu bewahren – und heute ist die offizielle Landessprache in Estland natürlich Estnisch!

Estnisch gehört mit Finnisch und Ungarisch zur finno-ugrischen Sprachgruppe, hat also mit Englisch oder Deutsch nicht viel zu tun und gilt als ziemlich kompliziert. Ich kann aber nur sagen, dass heutzutage sowieso fast jeder Englisch spricht und dass man mit exotischen Sprachkenntnissen viel größere Berufschancen hat – es gibt nicht einmal ein Langenscheidt-Wörterbuch Deutsch-Estnisch! Ganz abgesehen davon ist ein Austauschjahr aber auch keine Sprachreise.

Estnisch zu lernen war dennoch eine der größten Herausforderungen des Jahres für mich – dafür war es auch eines der größten Erfolgserlebnisse, mich endlich mit meinen Freunden in ihrer Sprache unterhalten zu können.

Da die Esten sehr stolz auf ihr kleines Land und ihre ungewöhnliche Sprache sind und es relativ wenig Ausländer gibt, die Estnisch lernen, werden selbst erste holprige Sprachversuche mit großer Begeisterung aufgenommen.

Geübt im Improvisieren
Sicherlich sind in Estland noch die Spuren von 50 Jahren Sowjetherrschaft zu spüren, schon allein im teilweise problematischen Zusammenleben von Esten und der etwa 30 Prozent der Bevölkerung umfassenden russischen Minderheit.

In den Augen meiner deutschen Freunde stellte der insgesamt etwas niedrigere Lebensstandard ein großes Problem dar – ich habe mich aber schnell daran gewöhnt und dadurch gelernt, wie reich wir eigentlich sind und wie gut es uns geht. Esten haben zwar im Durchschnitt weniger Geld, sind dafür jedoch sehr geübt im Improvisieren. Erstaunlicherweise wird in Estland auch seltener über Geldmangel geschimpft als hierzulande.

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Parlament ohne Papier
Andererseits ist Estland auf einigen Gebieten bereits fortschrittlicher als Länder in Westeuropa, vor allem im IT-Bereich: Als einziges Land weltweit hat Estland eine „E-Regierung“. Das bedeutet, dass die Arbeit im Parlament ganz ohne Papier vonstatten geht und alles über Computer und Internet läuft. Internetbanking ist ebenfalls viel weiter verbreitet als bei uns. Außerdem sind alle Schulen vernetzt und die Schüler können in den Pausen frei das Internet nutzen.

Sauna, Schnee und Elche
Dinge, die ich an Estland wirklich zu schätzen gelernt habe, sind neben der Kulturbegeisterung der Menschen – sei es für Theater, Musik oder Literatur – der Nationalstolz und das damit eng verbundene Zusammengehörigkeitsgefühl der Esten.

Natürlich haben mich auch die Sauna und der Schnee im Winter begeistert. In Estland findet man zudem noch unberührte, wunderschöne Natur, wo einem Elche über den Weg laufen.

Dort wirkt das eigentlich eher kleine Land durch die dünne Besiedlung manchmal direkt groß und leer.

Echte Freunde und eine zweite Familie
Das Allerwichtigste für mich persönlich sind allerdings die Menschen, die erst zu Bekannten, dann zu echten Freunden und einer zweiten Familie wurden. So bin ich Ende Juni 2000 nur schweren Herzens, dafür aber schon mit Plänen für erste Besuche zurück in die Heimat gefahren.

Karte Estland
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