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Ecuador "Austausch am Äquator"

Valentina Thörner war YFU-Austauschschülerin in Ecuador

Die erste Erfahrung, die ich hinsichtlich meines Austauschjahres machte, war die häufige Frage: „Wo liegt denn das?“

Anscheinend weiß doch nicht jeder, dass Ecuador zwar am Äquator, aber in Südamerika und nicht in Afrika liegt. Und dann denkt man natürlich erstmal an Sonne, Strand, Palmen und 35 Grad im Schatten.

Dabei hat Ecuador noch viel mehr zu bieten. Es ist eigentlich jede Klimazone vorhanden: von eisiger Kälte mit Schnee in den Alpen über schwüles Regenwaldklima im Oriente bis zum Urlaubsklima an der Küste und auf Galapagos. Selbst Wüste ist in Form von Vulkanwüste auf den Inseln vertreten.

Hauptstadt am Vulkan
Mich selbst hat es in meinem Austauschjahr 1998/1999 in die Landeshauptstadt Quito verschlagen. Sie ist mit zwei Millionen („offiziellen“) Einwohnern nach der Hafenstadt Guayaquil die zweitgrößte Stadt des Landes und liegt auf 2800 Metern Höhe. Der niedrige Sauerstoffgehalt hat einigen Gastschülern bei der Ankunft schon mal den Atem verschlagen.

Die Stadt selbst schlängelt sich wie ein großer Wurm im Halbkreis um den noch aktiven Vulkan Pichincha. Dieser ist seit meiner Ankunft in Ecuador auch wieder etwas lebhafter geworden. Noch in meiner ersten Woche in Quito wurde die Alarmstufe von gelb auf orange gehoben. Mittlerweile ist sie jedoch wieder auf ewig gelb zurückgestuft – und außer ein wenig Staub hat „el guagua“ (quetschua: der Kleine), wie der Vulkan liebevoll genannt wird, nichts ausgespuckt.

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Panoramablick auf Quito
Obwohl die Stadt furchtbar laut, verdreckt und eigentlich nicht besonders ansprechend ist, verbinde ich viele schöne Erlebnisse mit ihr.

Meine Gastfamilie wohnt im Norden der Stadt, von der Veranda aus hatte ich einen Panoramablick auf Quito und den Flughafen, der mitten in der Stadt liegt.

Zu Anfang sah ich immer den Flugzeugen nach und fragte mich, wie es jetzt wohl zu Hause sei. Aber nach einer Eingewöhnungsphase von etwa zwei Monaten sah ich nur noch die schneebedeckten Berge: Cotopaxi, Cayambe und Antisana, ein majestätischer Anblick. Eine Traumlandschaft für Bergsteiger wie mich – auch wenn ich diese Leidenschaft erst in Ecuador entdeckt habe.

Die zweite Tochter der Familia
Aber zurück zu meiner Familie: nach einem Familienwechsel nach sieben Wochen wurde ich von meiner Familia ganz natürlich in die Familie integriert und als zweite Tochter akzeptiert.

Mein Gastvater ist Computerspezialist und wir haben ihn eher weniger gesehen, da er so viel arbeitet. Meine Gastmutter ist Zahnärztin, arbeitet aber nur noch ab und zu für Freunde, war deshalb also meistens zu Hause. Aus diesem Grund hatten wir auch kein Dienstmädchen, was eigentlich eher untypisch ist. So haben wir halt etwas im Haushalt geholfen, so wie ich es ja auch schon gewohnt war.

Katholische Privatschule für Mädchen
Außer meiner gleichaltrigen Schwester Edith hatte ich noch einen zwei Jahre älteren Bruder, Jorge, der bereits zur Universität ging.

Edith und ich gingen zusammen in die 11. Klasse des Gymnasiums – in meinem Fall eine katholische Privatschule für Mädchen. Diese Schulform war wirklich etwas ganz Neues für mich. Aber ich bin sehr froh über diese neue Erfahrung, hat sie doch meinen Horizont um einiges erweitert.

Mit Bluse, Faltenrock und Kniestrümpfen
Natürlich gab es eine Schuluniform für uns. Sie bestand aus einem dunkelblauen Faltenrock, der bis vier Finger unter das Knie ging. Dazu eine weiße Bluse, einen dunkelblauen Pullover mit V-Ausschnitt und Matrosenkragen, weiße Kniestrümpfe und Mokassins.

Am Anfang war die Schuluniform etwas gewöhnungsbedürftig, aber ohne Zweifel hat sie auch Vorteile: Die Schule fängt in Ecuador schon um 7.00 Uhr an – und wenn man um 6.00 Uhr aufsteht, hat man meistens keine Lust zu überlegen, was man anziehen will. Außerdem wird durch die gemeinsame Kleidung ein gewisser Grad an Solidarität erlangt und auch das Benehmen außerhalb der Schule wird beeinflusst – schließlich repräsentiert man seine Schule.

Allerdings hatte die Uniform für mich am Anfang auch einen großen Nachteil: Die Mädchen sahen sich alle so ähnlich und ich habe mich am Anfang etwas schwer getan, sie auseinander zu halten. Aber bald hatte ich viele Freundinnen gefunden und damit war das Problem dann auch keins mehr.

Großes Interesse an meiner Heimat
Überhaupt waren die meisten Menschen immer sehr freundlich und zuvorkommend zu mir, und vor allem sehr interessiert. Für die meisten war ich die erste, die sie persönlich kennen lernten, und ich habe oft den Kommentar gehört: „Ihr seid ja gar nicht so schlimm, du bist ja total nett.“

Daran sieht man, was für eine große Aufgabe man als Austauschschüler in seinem Gastland hat. Alles was man tut und sagt wird sofort generalisiert und auf alle Menschen deines Landes übertragen. Da lohnt es sich schon, manchmal auch zweimal nachzudenken, bevor man noch mehr Vorurteile schürt.

Schon allein deshalb finde ich es wichtig, sich vor dem Austauschjahr mit dem eigenen Land auseinander zu setzen, da man doch öfters mit der Geschichte konfrontiert wird. Das kommt nicht davon, dass die Menschen einem auf den Schlips treten wollen, sondern weil sie damit einfach ihr Interesse zeigen wollen. Und mit diesen Gesprächen kann man ja auch etwas zum interkulturellen Verständnis beitragen.

Mit YFU Ecuador im Dschungel
Ich wurde aber nicht nur von meiner Familie, sondern auch von YFU Ecuador während des ganzen Jahres wunderbar betreut. Einmal im Monat trafen sich alle 20 Austauschschüler, die ihr Jahr in Quito verbrachten, zum Erzählen und Erfahrungen austauschen.

Zusammen verbrachten wir ein langes Wochenende in einer Gemeinschaft von Indígenas im Dschungel und besuchten den bekannten Indígena-Markt in Otavalo.

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Natürlich war meistens nicht alles so perfekt durchgeplant, wie ich es von YFU gewohnt war.
Aber vielleicht machte an manchen Stellen gerade die Improvisation solchen Spaß.

Als Englischlehrerin auf Galapagos
Abschließend bleibt vielleicht noch zu erzählen, dass ich das große Glück hatte, für einen Monat als ehrenamtliche Englischlehrerin auf Galapagos zu leben. Der Unterschied zwischen dem Leben in einer lateinamerikanischen Großstadt und einem insulanen 500-Seelen-Dorf ist riesig, aber ich könnte nicht sagen, was ich vorziehe.

Sicher, das Meer, das Klima und die Natur inklusive Schildkröten, Leguane und Pinguine ist auf Galapagos himmlisch. Aber dafür kann man in Quito Höhenluft schnuppern und es gibt viel mehr Möglichkeiten, etwas zu unternehmen.

Für mich war Galapagos kein Urlaub, sondern eher die Möglichkeit, noch mehr über die Diversität Ecuadors zu lernen – nicht nur die unterschiedlichsten Landschaften, sondern auch die verschiedenen Einstellungen der Menschen. Das war für mich wohl das Spannendste, weil man dadurch sich selber immer wieder hinterfragt und jede Menge Neues erlebt.

Es lohnt sich also auf jeden Fall!

Karte Ecuador
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