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Chile "Austausch bei den Pinguinen"

Martje Petersen war 2001/2002 YFU-Austauschschülerin in Chile

Ich klopfe mir dem Schnee von den schwarzen Schuhen der Schuluniform als ich den Laden betrete. "Hola Papá" – "Hola mi hija." Mein Gastvater sitzt an der Kasse, er hat schon auf mich gewartet.

Ich stelle mich dicht an die einzige Heizung im Raum um die eisige Kälte aus meinen Beinen zu vertreiben. Die heiße Luft kriecht von hinten unter meinen Pulli. Ein bisschen bleibe ich immer hier vorne, bevor ich zu den anderen in die warme Küche gehe.

Da kommt mir meine Gastmutter aber schon entgegen: "¡Vamos niña!" Und schon sitze ich im Auto, ohne gefragt zu haben, wohin es geht.

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Neugier, Abenteuerlust und Bauchgefühl
Ich habe die 11. Klasse in Chile verbracht, diesem schmalen Dritte-Welt-Land an der Westküste Lateinamerikas. Warum ich gerade dorthin gefahren bin, weiß ich nicht. Eine Frage, die an Bedeutung gewinnt, wenn man bedenkt, dass ich auch eine Zusage für Neuseeland gehabt hätte. Spanisch konnte ich kein Wort und mehr als die geographische Lage von Chile kannte ich auch nicht. Es war wohl eine Mischung aus Zufall, Neugier, Abenteuerlust und Bauchgefühl. Alles zusammen die beste Entscheidung meines Lebens.

Land der Extreme
Nach meinem Bewerbungsgespräch bei YFU kam die Zusage. Von da an begann für mich die Zeit des Wartens. Dazu muss man sagen, dass es in Chile nicht ganz unrelevant ist, wo sich eine Gastfamilie für einen findet: Im Norden dieses 4500 km langen Landes liegt die heißeste Wüste der Erde, während sich im Süden Gletscher türmen. Es gibt kaum ein anderes Land mit solchen Extremen, und kaum eine Klimazone, die in Chile nicht vertreten ist.

Am südlichen Ende Chiles
Meine Familie tut das, was sonst kaum jemand tut: Sie wohnt in Patagonien, dem südlichen Ende Chiles. Die Landschaft dort hat in gewisser Weise etwas mit Fotos aus der GEO oder National Geographic gemeinsam: Man glaubt, dass es etwas derartig Schönes gar nicht geben kann.

Im chilenischen Teil Patagoniens (die andere Hälfte liegt in Argentinien) gibt es im Wesentlichen nur zwei Städte: Die südlichste Stadt der Welt, Punta Arenas, und 300 km entfernt Puerto Natales, ein 16.000-Einwohner-Örtchen. Dazwischen ist nichts, gar nichts. Ich komme nach Puerto Natales.

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Fast 50 Grad kälter
Am Tag meines Abflugs lasse ich unter Tränen, mit Winterjacke und -stiefel im Gepäck, meine sommerliche Heimat hinter mir. Minus 16 Grad Celsius und somit fast 50 (!) Grad Temperaturunterschied erwarten mich. Doch stärker noch als das Klima hat sich mein Leben an diesem Tag verändert.

Meine neue Familie
In Chile angekommen lerne ich endlich meine neue Familie persönlich kennen. Mein Vater hat einen Supermarkt, meine Mutter einen Kindergarten und meine Schwester keine Lust auf Schule. Ich bin also in einer ganz normalen Familie gelandet.

Treffpunkt Küche
In Chile ist alles anders. Dort isst man viel und schweigt wenig. Das Leben spielt sich in der Küche ab. Jedenfalls bei uns im Supermarkt. Hier ist es, wo im Winter der Schnee an den Stiefeln schmilzt und die Wäsche über dem Ofen auch bei Minusgraden noch trocknen kann. Ganz viele Verwandte, Nachbarn und Freunde und natürlich ein Fernseher, die wichtigsten Bestandteile des lateinamerikanischen Lebens, fehlen hier nie. Die Küche ist Treffpunkt, gute Stube und Arbeitszimmer gleichzeitig. Hier lerne ich Spanisch und meine neue Familie nonverbale Kommunikation.

Wie selbstverständlich dazugehören
Neues wird zu Alltag. Ich beginne mich schneller an Dinge zu gewöhnen, als dass ich sie als ungewohnt bezeichnen kann. Man passt sich mit der Zeit ganz automatisch und oft ohne es zu merken an die Kultur des Gastlandes an. Man kann ein Land nur von innen heraus verstehen. Es gibt nichts Schöneres als nach einer Weile dort zu bemerken, dass man wie selbstverständlich dazugehört.

Nicht immer war alles leicht
Natürlich war nicht immer alles leicht. Damit will ich weniger auf die immer wieder gute Geschichten hergebenden Fettnäpfchen hinaus. Auch Sprachbarrieren würde ich nicht als wirkliche Schwierigkeiten beschreiben.

Ich denke viel mehr an die Zeiten, in denen man nicht mehr wusste wohin man gehört, sich fremd gefühlt hat oder an sich selbst verzweifelt ist. Aber genau diese Momente waren es auch, aus denen man wieder neue Kraft geschöpft, deren Überwindung einem neuen Mut und frisches Selbstvertrauen gegeben hat.

Ich bin nach Chile gefahren, um meine Grenzen kennen zu lernen. Ich habe sie nicht gefunden. Was ich gefunden habe ist die Gewissheit, dass man sich an wirklich alles gewöhnen kann und zu weit mehr in der Lage ist, als man denkt.

Sich selbst kennen lernen
In einem Austauschjahr lernt man viel über das Gastland und seine Kultur und nicht zuletzt eine fremde Sprache. Aber viel wichtiger finde ich, dass man sich selbst besser kennen lernt. Indem man sich an eine neue Rolle anpasst fängt man an, die alte zu hinterfragen und beurteilen zu können.

Natürlich kritisiere ich jetzt viel hier, aber genauso habe ich vieles schätzen gelernt, was einem hier ganz selbstverständlich vorkommen mag, wie beispielsweise eine funktionierende Demokratie und eine offene Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Heimweh nach Chile
Ich glaube, das wahre Austauschjahr beginnt erst mit der Rückkehr. Erst wenn man wieder mit seinem alten Leben konfrontiert und somit zum Nachdenken gezwungen wird, fängt man an, das Erlebte zu verstehen, und begreift dabei langsam aber sicher wer man wirklich ist. Und manchmal ist das ganz anders als man gedacht hat…

Früher hatte ich Fernweh, wenn ich an Chile gedacht habe. Heute habe ich Heimweh.

Karte Chile
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